Der Run2

Als Annika mich letztes Jahr fragte, ob wir zusammen beim Run2 starten würden, musste ich nicht lange überlegen. Ich liebe die Berge und wusste, dass es bestimmt eine tolle Erfahrung werden würde. Es war mir von Beginn an klar, dass wir „nur“ beim Run2 starten und nicht alle Etappen des Transalpin laufen würden. Ich war schon oft in den Bergen und liebe die Trails, aber an zwei darauffolgenden Tagen eine längere Distanz mit vielen Höhenmetern zu laufen, hatte ich bisher noch nicht gemacht.

Was ist überhaupt der Transalpin Run?

Der Transalpin Run ist ein Teamrennen von Deutschland nach Italien. Jedes Jahr wechselt die Strecke zwischen Ost-und Westroute. Dieses Jahr starteten 300 Teams auf der Westroute von Oberstdorf. In acht Tagen ging es durch Österreich, die Schweiz und über die Alpen nach Italien. 2005 fand übrigens der erste Transalpin Run statt.

Wie liefen die Vorbereitungen?

Um ehrlich zu sein, liefen die Vorbereitungen alles andere als optimal. In den letzten Wochen, während der ich sehr viel unterwegs war, kamen meine Laufeinheiten deutlich zu kurz, vor allem die Höhenmeter, die ich überhaupt nicht trainieren konnte. Ich versuchte, durch vermehrtes Crossfit mein Krafttraining hoch zu halten. Und was soll ich sagen, mit dieser Taktik bin ich gut gefahren. Aber dazu später….

Was brauchte ich alles für das Rennen?

Der Veranstalter macht dir Vorgaben, was du auf jeden Fall dabeihaben musst. Darunter fallen zum Beispiel eine Streckenkarte oder die GPS-Daten auf deiner Laufuhr. Eine Notfallausrüstung mit Wärmedecke, Verband, Trinkbehälter mit mindestens einem Liter Fassungsvermögen oder eine Regenjacke, falls das Wetter plötzlich umschlägt. Zusätzlich hatte ich mir noch Trailstöcke gekauft, die die beste Investition seit langem waren und Trailschuhe, damit ich bei unebenen oder rutschigen Passagen guten Halt unter den Füßen haben würde.

Es geht los….

Annika und ich trafen uns in München, um dort gemeinsam mit einem Mietauto nach Oberstdorf zu fahren.  Nachdem wir dort angekommen waren, bezogen wir ein Hotel, das außerhalb der Ortschaft und mitten in den Bergen lag. Da wir früh los mussten, konnten wir ein „Lunchpaket“ bestellen und handelten mit der Küche noch ein Brötchen, Käse, Honig und Butter aus.  Dann ging es ins Dorf, um dort unsere Startunterlagen mit unseren Reisetaschen abzuholen und die Expo zu besuchen. Jeder Teilnehmer bekam nämlich eine Reisetasche, da Shuttlebusse jeden Morgen unser Gepäck von Hotel zu Hotel brachten, damit wir abends direkt unsere Sachen vor Ort hatten. Auf der Expo trafen wir Bekannte. Abends ging es dann zur Pastaparty und zum Briefing. Spätestens nach dem Briefing stieg meine Aufregung, da ich langsam realisierte, auf was ich mich eingelassen hatte.

Etappe 1: Von Oberstdorf nach Lech am Arlberg

Um 9 Uhr war am Samstag der Start in Oberstdorf. Wir konnten unseren Mietwagen auf einem vorgesehenen Parkplatz abstellen, den wir dann Sonntagabend wieder abholen konnten, wenn wir aus St. Anton zurückkamen. Die Reisetaschen mussten eineinhalb Stunden vor Start bei den Shuttlebussen sein, somit ging unser Wecker um halb 6. Freudig packten wir unser Lunchpaket zum Frühstück aus. Doch mit Erstaunen mussten wir feststellen, dass das Brötchen zwar bereits belegt war, aber mit Käse und Honig und Butter. So hatten wir uns das natürlich nicht vorgestellt, aber was erträgt man kulinarisch nicht alles, um energiegeladen in den Tag zu starten.

Um sieben Uhr war Abfahrt vom Hotel, um pünktlich am Start zu erscheinen. Schnell wurde uns klar, dass es ziemlich warm werden würde. Team „Updown Girls“ war bereit.

Voller Vorfreude ging es die ersten drei Kilometer flach, bevor der erste Anstieg kam. Doch dann kam leider alles anders als geplant. Zwischen Kilometer 7 und 8 ging es Annika immer schlechter, sodass wir schließlich das Medicalteam rufen musste: Annika wurde aus Sicherheitsgründen aus dem Rennen genommen. Somit fielen wir aus der Teamwertung, doch wir beschlossen, dass ich alleine die erste Etappe für uns beide zu Ende laufe sollte. Da das Warten und die Entscheidung ein Weilchen dauerten, war ich eine der Letzten auf der Strecke. Ich nahm die Beine in die Hand und gab Gas. Der erste Verpflegungspunkt lag bei Kilometer 12. Als ich diesen Punkt erreichte, sah ich zwei Bekannte, die als „Fit Moms“ unterwegs waren und gerade den VP1 verließen. Ich ließ daher die Verpflegungsstelle aus, um die beiden einzuholen und mit ihnen weiter zu laufen. Die Anstiege wurden steiler und die Sonne brannte immer mehr auf der Haut. Nun machte sich der Fehler des Auslassens des ersten VP1 bemerkbar. Meine Trinkblase war leer. Bei Kilometer 20 wurde mir bewusst, dass ich noch 9 Kilometer bis zum zweiten VP hatte. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, wie ich das schaffen sollte. Ich hatte so  starken Durst, dass ich einen Eimer Wasser hätte austrinken können. Doch ich hatte Glück und wir kamen bei Kilometer 21 an einer Alm vorbei, die eine kleine Wasserstelle hatten. Ich wäre am liebsten vor Freude in die Luft gesprungen und war einfach nur dankbar, meinen Vorrat mit Wasser wieder auffüllen zu können. Danach konnte ich die Strecke wieder mehr genießen, vor allem, weil ich durch eine Nachricht von Annika wusste, dass es ihr wieder besser ging und sie sogar wieder auf der Strecke war, um ein bisschen weiter zu laufen.

Sechs Kilometer vor dem Ziel fingen die Wolken auf einmal an, sich zusammenzuziehen und ein Donnern war zu hören. Die, die mich kennen, wissen, wie sehr ich Angst vor Gewitter habe. Mir blieb nur die Stöcke in die Hand zu nehmen und loszurennen. So rannte ich die letzten Kilometer bei mittlerweile strömendem Regen nach Lech, wo mich Annika nach über 8 Stunden, 42 Kilometern und über 2000 Höhenmetern in die Arme nahm. Jetzt freute ich mich auf die Pizza.

Foto: Markus Greth

Etappe 2: Von Lech am Arlberg nach St. Anton am Arlberg

Nach einem schönen Abend, den wir mit anderen Teilnehmern in einer Pizzeria hatten ausklingen lassen, konnten Annika und ich gut schlafen. Diesmal starteten wird aufgrund der Wettervorhersage schon um 8 Uhr. Die Temperaturen hatten sich abgekühlt. Meine Beine waren etwas müde, aber das würde sich nach ein paar Kilometern verbessern. Der Rucksack war voll, die Trinkblase gefüllt und wir hatten beide Lust, diese zweite Etappe zu laufen. Dann kam der Startschuss. Bereits die ersten Kilometer gingen steil nach oben, sodass ich meine schweren Beine ziemlich schnell vergaß. Die Natur war ein Traum und je höher wir kamen, desto mehr spürten wir die wärmenden Sonnenstrahlen. Diesmal gab es bei dieser Etappe drei VPs. Das tat meinem Kopf irgendwie gut, diese Verpflegungspunkte innerlich immer wieder abzuhaken, da mir jedes Mal wieder ausreichend Wasser zu Verfügung stehen würde. Darüber hinaus wurde wir liebevoll mit Wassermelonen, Äpfeln, Bergkäse, Cliffbars und und und versorgt. Bei dieser Etappe gab es eine Passage, die als gefährlich ausgeschriebene war und mir Sorgen bereitete. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um meine Höhenangst zu überwinden. Was mir geholfen hat? Die großartigen Teilnehmer! Da man mir meine Angst ansah, wurde mir mit Gesprächen, Warten und Zuspruch sehr geholfen. Es war toll, immer wieder mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und etwas von ihnen und ihrer Laufleidenschaft zu erfahren. Genau diese Momente haben mir gezeigt, wie besonders dieses Rennen ist. Alle Menschen, die ich getroffen habe, waren freundlich, aufgeschlossen und herzlich. Das Wetter hielt auch, und die Landschaft war einfach atemberaubend. Kurz vor Schluss war ich drauf und dran, mich zu verlaufen, da eine befestigte Straße rechts abbog und wir das Hinweisbändchen übersahen, weil ich mit anderen Teilnehmerinnen in ein Gespräch versunken war. Doch der lautstarke Hinweis eines anderen Teilnehmers erinnerte uns daran, dass wir die Straße, die wir gerade runter gelaufen waren, wieder hoch mussten, um wieder auf die richtige Route zu kommen. Ansonsten verlief der zweite Tag reibungslos. Die Strecke war anders als die vom Vortag. Ich fand sie durch das Geröll und wegen der gefährlichen Passage anspruchsvoller, aber dafür landschaftlich schöner. Auch der Zieleinlauf in St. Anton war sehr emotional und die Zuschauer herzlich und motivierend. Nach 30 Kilometern und 2000 Höhenmetern erreichte ich auch die zweite Etappe glücklich nach sechs Stunden.

Ein Erlebnis, das Annika und ich nicht so schnell vergessen werden. Ein Rennen, das anders lief als geplant, aber gezeigt hat, dass man aus allen Situationen das Beste machen kann und uns um eine Erfahrung reicher gemacht hat.

 

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